Der geheimnisvolle Fall der fallenden Beedabei Kästen
G.M. Bartulec -Aurorin
Noris hatte ein Problem.
Dabei hatte der Tag am Wöhrder See so schön begonnen.
Die Sonne glitzerte auf dem Wasser, die Enten schnatterten munter vor sich hin, und an der Umweltstation herrschte schon reges Treiben. Besucher schauten sich die Ausstellungen an, Kinder entdeckten Käfer, Pflanzen und ein Sandarium für Bienen, und überall wurde erklärt, wie faszinierend die Natur direkt vor unserer Haustür sein kann.
Noris mochte die Umweltstation.
Hier wurde nicht nur über die Natur gesprochen. Hier lernten Menschen, genauer hinzusehen. Genau das liebte er. Denn wer genau hinsieht, entdeckt oft viel mehr, als er erwartet. Besonders gefiel ihm der gelbe Beedabei Kasten in der Umweltstation. Das kleine Stück blühende Wiese zeigte eindrucksvoll, wie viele Insekten selbst auf kleinstem Raum Nahrung und Lebensraum finden können. An warmen Tagen summte und brummte es dort ununterbrochen.
An diesem Morgen allerdings hatte Noris etwas ganz anderes im Kopf.
Einige Schwanenküken hatten ihn zu einem Wettrennen herausgefordert. Nun ja, eigentlich hatte Noris die Schwanenküken herausgefordert. „Wer als Letzter an der großen Sandbank ankommt, muss den anderen eine Geschichte erzählen!“, rief er und schoss los. Die Küken paddelten, watschelten und flatterten, was ihre kleinen Flügel hergaben. Noris flog knapp über den Wasser, drehte elegante Kurven und warf immer wieder einen frechen Blick über die Schulter.
„Ein bisschen schneller müsst ihr schon sein!“
Dann passierte es.
Er schlitterte am Beedabei Kasten vorbei.
Da hörte er ein lautes Knacken.
Ein dumpfer Plumps.
Und schon lag der Kasten am Boden.
Die kleine Blumenwiese war herausgerutscht und hatte sich über den Boden verteilt.
Noris erstarrte.
„Oh.“
Mehr fiel ihm zunächst nicht ein.
Den ganzen Tag schlich er um die Umweltstation und schaute sich den zerstörten Kasten immer wieder an.
Am Abend kam er schließlich bei seinen Gefährten Peter und Gisela vorbei, die auch das Beedabei Kunstprojekt gestartet hatten. Die hatten eigentlich immer eine Lösung für alles. Als sie vor dem Abendessen in die Küche kamen, lag dort ein kleines Herzchen auf dem Tisch. Daneben saß Noris mit gesenktem Kopf.
„Ich glaube, ich habe etwas kaputt gemacht. Könnt ihr das wieder reparieren, bitte?“
Nachdem er ihnen alles erzählt hatte, beschlossen sie natürlich zu helfen.
Und tatsächlich erreichte sie schon am nächsten Morgen eine Nachricht von der Umweltstation. Die Mitarbeitenden wunderten sich über den zerstörten Beedabei Kasten, der schon sieben Jahre dort unbeschadet hing. Niemand hatte etwas gesehen. Niemand hatte etwas gehört. Nun ja, fast niemand.
Während draußen das Malheur passiert war, saßen die Verantwortlichen gerade in einer Besprechung. Durch das geschlossene Fenster hatten sie lediglich ein lautes Krachen vernommen. Als sie später nachsehen gingen, lag der Kasten bereits am Boden.
Selbstverständlich wurde der Beedabei Kasten sofort ausgetauscht und Peter und Gisela hoben, mit Unterstützung der Mitarbeiterin von der Umweltstation und mit tatkräftiger Hilfe von Noris, das Stückchen Wiese wieder in den neuen Kasten.
Noris war erleichtert.
„Geschafft!“, sagte er und strahlte so sehr, dass sogar ein paar Glühwürmchen neidisch wurden.
Doch die Freude hielt nicht lange.
Noch am selben Nachmittag erreichte uns eine zweite Nachricht von der Umweltstation.Der neue Kasten war nun ebenfalls abgestürzt. Wieder lag er am Boden. Wieder war die Blumenwiese herausgerutscht. Und wieder hatte niemand gesehen, wie das passieren konnte. Die Verantwortlichen saßen ausgerechnet erneut in einer Besprechung. Wieder hatten sie lediglich ein Krachen gehört.
Als sie hinausliefen, war alles bereits geschehen.
„Also jetzt wird es wirklich seltsam. Hier spukt es scheinbar“, schrieben sie.
Noris wurde blass. Soweit Geister überhaupt blass werden können. „Das war ich diesmal ganz bestimmt nicht! Ich schwör!“
Am nächsten Tag machten sich Peter und Gisela erneut mit einem weiteren heilen Beedabei Kasten auf den Weg zur Umweltstation. Der Wöhrder See lag ruhig da. Die Schwanenküken paddelten diesmal brav neben ihren Eltern. Das Wasser spiegelte die Sonne, und die Blumen bewegten sich sanft im Wind.
Plötzlich war ein leises Kichern zu hören am Wasserlauf.
Dann noch eines.
Und noch eines und noch eines.
Noris drehte sich um.
„Habt ihr das gehört?“
Aus dem Schilf kamen winzige Gestalten hervor. Sie waren kaum größer als ein Gänseblümchen und trugen Sturmmäntelchen und Böenhütchen.
„Wer seid ihr denn?“, fragte Noris. Noch nie hatte er so etwas wie diese Wesen gesehen und er müsste ja eigentlich alles kennen was es in Nürnberg gibt. Sie sahen aus wie kleine Geister. Doch wenn sie vor Lachen pusteten kräuselte sich das Wasser von Wöhrder See, so viel Wind kam auf.
Die kleinen Wesen verbeugten sich.
„Wir sind die Wöhrder-Windlinge.“
Ein Windling deutete auf sich und meinte: „Lufikus“, dann deutete er weiter „Böenchen, Sturmi und Wirbelinchen“
„Und was macht ihr hier?“ fragte Noris.
„Wir beobachten.“
„Was beobachtet ihr?“
„Alles! Die Enten. Die Fische. Die Wolken. Die Menschen. Die Blumen. Die Bienen. Dich und die Schwanenküken“
Noris runzelte die Stirn.
„Und den Beedabei Kasten?“
Die Windlinge schauten sich gegenseitig an.
„Vielleicht auch den“, sagte Luftikus.
„Vielleicht?“, fragte Noris.
Wirbelinchen trat einen Schritt vor.
„Nun ja … wir wollten herausfinden, warum die Menschen dort ständig stehen bleiben und hineinschauen.“
„Also habt ihr hineingeschaut?“
Böenchen schüttelte den Kopf.
„Nicht nur.“
Nicht nur?“
„Wir haben an den Blumen gerochen“, erklärte Sturmi.
„Die haben unglaublich gut geduftet.“
„Und dann?“
Die vier Windlinge wurden gleichzeitig rot.
„Dann mussten wir niesen“, sagte Böenchen kleinlaut.
„Alle vier gleichzeitig“, ergänzte Wirbelinchen.„Das war ein sehr kräftiger Nieser“, meinte Luftikus.
„Der stärkste, den wir jemals geschafft haben“, sagte Sturmi stolz.
„Ihr musstet niesen? Und dabei ist dann der Kasten hinuntergefallen?“
Die Windlinge nickten.
„Zweimal?“ fragte Noris.
Jetzt wurden die Windlinge noch verlegener.
Der Kleinste von ihnen, Sturmi, hob zaghaft die Hand
„Beim ersten Mal war es ja ein Versehen.“
„Und beim zweiten Mal?“
„Da wollten wir herausfinden, ob es wirklich ein Versehen war,“ meinte Wirbelinchen.
Noris zog seine Augenbraue hoch. „Ihr habt den Kasten ein zweites Mal heruntergeworfen, um zu überprüfen, ob ihr ihn beim ersten Mal schon heruntergeworfen habt?“
Alle vier Windlinge nickten begeistert.
„Ganz genau! Das nennt man Forschung!“
„Forschung???“ Noris blinzelte ungläubig.
„Ja! Die Menschen von der Umweltstation forschen doch auch ständig. Also haben wir das ebenfalls versucht,“ sagte Lufikus im Brustton der Überzeugung.
„Und was habt ihr herausgefunden?“
„Dass Beedabeikästen tatsächlich herunterfallen, wenn man niest, oder zu viert richtig, richtig kräftig pustet.“
„Aha.“
„Und dass sie beim zweiten Mal genauso kaputtgehen wie beim ersten,“ flüsterte Böenchen.
Noris starrte die Windlinge einen Moment lang an. Dann setzte er sich ins Gras.
„Das ist vermutlich die unnötigste wissenschaftliche Erkenntnis, die jemals am Wöhrder See gewonnen wurde.“
Die Windlinge sahen sich stolz an und strahlten.
„Aber jetzt wissen wir es ganz sicher!“
Für einen Augenblick herrschte Stille.
Dann musste Noris lachen. Und auch die Windlinge, sowie Peter und Gisela stimmten ein. Gemeinsam befestigten sie den neuen Beedabei Kasten. Diesmal besonders sorgfältig. Anschließend erklärte Noris den Windlingen, warum die Blumenwiese so wichtig war. Wie Bienen, Hummeln und Schmetterlinge dort Nahrung fanden. Wie die Umweltstation den Menschen zeigte, dass Naturschutz oft direkt vor der eigenen Haustür beginnt.
Die Windlinge hörten aufmerksam zu.
„Dann helfen wir ab jetzt mit aufzupassen“, versprachen sie alle vier.
Seitdem steht der Beedabei Kasten wieder sicher an seinem Platz.
Die Besucher der Umweltstation können die Blumen und Insekten beobachten, die Mitarbeitenden müssen keine rätselhaften Abstürze mehr erklären, und die Windlinge halten respektvollen Abstand und vor allem pusten sie nicht mehr in Nähe der Bienenfutterstelle.
Meistens jedenfalls.
Und wenn am Wöhrder See einmal ein leises Kichern aus dem Schilf kommt, während sich kein Blatt bewegt, dann weiß Noris:
Seine neuen Freunde sind noch da.
Und sie passen auf das kleine Stück blühende Wiese auf.
Noris



